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Real Life Report: Ich bin kein Opfer!

Aktualisiert: 22. Aug.

"WENN MENSCHEN DICH ANGUCKEN, IST DAS NORMAL – ES IST EIN UR-INSTINKT!"

Sängerin Nanée kam mit der seltenen Pigmentstörung CMN auf die Welt und wurde als Kind wegen ihrer auffälligen Ansammlung von Leberflecken gemobbt und ausgegrenzt. Im Interview mit INSIDE-Redakteurin Nadine Weinands erzählt sie, wie sie trotzdem ihren Weg fand und warum wir statt mehr Body Positivity lieber gleich eine komplette Body Revolution anzetteln sollten …

Foto: Elena Zaucke Photography

 

EINZIGARTIG, MUTIG, SCHÖN!

INSIDE: Wie ist es dir als Kind und deinen Eltern mit deiner Pigmentstörung ergangen?


Nanée: Es war nicht einfach für meine Eltern – das lag hauptsächlich daran, dass die Ärzte damals fälschlicherweise davon ausgingen, dass die Pigmentstörung zu bösartigem Krebs führen und ich nicht älter als maximal zwei Jahre werden würde. Dazu kam, dass ich mit dem – ebenfalls falschen – Bewusstsein groß geworden bin, ich sei nur eine von sieben Betroffenen weltweit. Heute weiß ich: Die Ärzte hatten keine Ahnung. Jedes Jahr werden allein in Deutschland mehr als 4 000 Kinder mit CMN geboren.


Es muss hart gewesen sein, wenn man nicht nur anders aussieht, sondern auch noch denkt, man sei damit quasi allein auf der Welt!

Absolut. Ich war zwar ein sehr lebensfrohes Kind, hatte aber vor allem in der Pubertät damit zu kämpfen, anders zu sein und habe mich lieber klein gemacht – bei 1,85 m Körpergröße bereits mit 14 Jahren kein leichtes Unterfangen. Entsprechend sah ich aus wie ein Opfer und wurde auch so behandelt. Ich bin immer mit gebeugten Schultern durchs Leben gelaufen und habe versucht, mich unsichtbar zu machen, um den Mobbing-Attacken zu entgehen. Mit 16 habe ich die Schulband verlassen, weil ich es nicht ertragen konnte, ständig angestarrt zu werden. Dabei war mir die Musik immer enorm wichtig. Heute würde ich meinem früheren Ich sagen: Du bist genau richtig, so wie du bist, und außerdem nicht eine von sieben, sondern von vielen Tausenden. CMN ist selten, aber wir sind trotzdem viele!


Wann hast du aufgehört, dich zu verstecken?


Mein persönlicher Wendepunkt kam 2004, als ich für sechs Monate in San Francisco ein Praktikum machte. Dort erlebte ich auf einmal eine ungeahnte Leichtigkeit und Freiheit. Die Menschen waren dort schon damals unglaublich tolerant und es war egal, wie ich aussah – meine Flecken und Narben spielten keine Rolle. Es kam darauf an, wie ich als Mensch war. Da habe ich zum ersten Mal meinen Rollkragenpulli gegen ein Shirt getauscht Mit 28 Jahren! Es war ein langer Weg bis dahin.


Kann man diesen Weg abkürzen? Hast du Tipps für Menschen, die sich aufgrund vermeintlicher äußerer Makel auch am liebsten verstecken?


Mir hat am meisten geholfen, zu verstehen, dass es nichts Schlimmes ist, wenn Menschen dich angucken. Was viele als Anstarren empfinden, ist tatsächlich ein menschlicher Ur-Instinkt, der in der Steinzeit unser Überleben gesichert hat, wenn in Sekundenschnelle und manchmal nur aus dem Augenwinkel beurteilt werden musste, ob jemand Freund oder Feind ist. Wenn dich jemand angafft, mach dir also klar: Er kann nichts dafür. Schau nicht weg, sondern lächle. Denn: Wer angelächelt wird, lächelt automatisch zurück. Zweitens: Mach dich gerade! Wer mit hängenden Schultern und gebeugter Haltung durchs Leben geht, strahlt Schwäche und fehlendes Selbstbewusstsein aus. Mein Umfeld hat sich um 180 Grad gedreht, als ich das selbst eines Tages verändert habe!


Stichwort Body Positivity: Bist du Befürworterin des aktuellen Trends in der Gesellschaft?

Foto: Elena Zaucke Photography


Ich finde Body Positivity super, bin aber Verfechterin einer Body Revolution, die über die pure Body Positivity hinausgeht. Es geht nämlich nicht nur darum, immer alles an seinem Körper lieben zu müssen! Ich mag auch einiges an meinem Körper nicht, wie die Falten zwischen meinen Augen, die mich leicht zornig aussehen lassen. Aber statt mich zu motivieren, sie doch irgendwie gut zu finden, versuche ich, nicht ständig den Fokus aufs Äußere zu legen, sondern darauf, was mich als Menschen ausmacht. Wir sollten uns öfter die Frage stellen: Was ist uns an uns selbst wichtig? Was ist uns an anderen wichtig? Am Ende ist doch niemand mit dir befreundet, nur weil du eine glatte Haut oder eine schöne Nase hast.

 

EIN MUSIKALISCHES ZEICHEN FÜR TOLERANZ & VIELFALT: NANÉE

Mit einer Crowdfunding-Kampagne hat Nanée ihr neues Album "Tausend Farben" produziert. EP-Release ist am 25. März 2022. Die Hamburgerin ist Sängerin aus Leidenschaft und macht leidenschaftlichen Empowerment-Pop. In ihren Songs verarbeitet sie ihre eigene Geschichte und gibt etwas von ihrer Kraft und Lebensfreude an andere weiter. In die neue Single "Geh deinen Weg" könnt ihr bereits jetzt reinhören.


Website: www.nanee-music.com

Instagram: @nanee.music