„Der Druck der Branche ist enorm!“ – Felicitas Woll über Schönheitsideale, Botox, „Berlin, Berlin“ und das Älterwerden.
Sie war erst Anfang 20, als sie mit Berlin, Berlin aus heiterem Himmel zum Star wurde: Felicitas Woll ist aus der deutschen Film- und Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken – und mit 46 Jahren genau dort, wo sie sein will: erfolgreiche Schauspielerin, Mama von zwei Töchtern, irgendwo zwischen Großstadt und Dorf. INSIDE sprach mit der Darstellerin.
Abwechslungsreich muss es sein – privat & beruflich
INSIDE: Die Reihe „Neuer Wind im Alten Land“ verbindet Krimi, Humor und Beziehungsgeschichten. Was hat dich an der Rolle sofort gepackt?
Felicitas: Ich mag es total, eine Reihenfigur zu spielen, weil sich die Figur mit der Zeit weiterentwickeln kann. Man hat einfach mehr Raum für die Rolle und ich habe auch die Möglichkeit, stärker darauf einzuwirken, je besser ich sie kennenlerne. Auch das Team wächst, man wird immer mehr zu einer echten Familie. Das liebe und schätze ich total. Es ist auch auf jeden Fall ein entspannteres Arbeiten. Das Schöne an der Mischung der Genres ist, dass es nie langweilig wird: Es gibt Spannung, es gibt etwas fürs Herz – und das ist einfach eine richtig gute Kombination für einen schönen Fernsehabend.
Welches Genre fesselt dich denn privat am meisten?
Ich habe gar kein bestimmtes Genre, bei dem ich immer hängen bleibe. Tatsächlich schaue ich alles gerne – das kommt ganz auf meine Stimmung an. Bei Musik ist das übrigens genauso.

Als Schauspielerin schlüpfst du regelmäßig in neue Berufe – jetzt spielst du zum Beispiel eine Journalistin: Welcher Beruf hat dir in einer Rolle bisher am meisten Spaß gemacht?
Das ist eine wirklich gute Frage. Ich glaube, die Journalistin finde ich tatsächlich ziemlich spannend, weil man da vom Mindset her sehr offen sein muss. Man kommt mit vielen Menschen in Kontakt, entdeckt Geschichten, die man erzählen kann und schaut sich die Welt aus verschiedenen Perspektiven an. Das ist etwas, das mich sehr interessiert. Ich glaube, so etwas würde ich mir auch im echten Leben aussuchen – irgendetwas Kreatives!
Du hast vor der Schauspielerei eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen, wenn du ab morgen mit dem Schauspielen aufhören müsstest, wäre das dann immer noch dein Plan B-Traumjob?
Was die Arbeit mit Menschen angeht, auf jeden Fall! Ich weiß aber nicht, ob ich so belastbar wäre. Besonders wenn es um Kinder geht, glaube ich nicht, dass ich das gut aushalten könnte. Deshalb denke ich, dass ich eher etwas mit Tieren machen würde.
Deine Figur Beke stolpert im Alten Land in lauter kleine Dorfdynamiken und Konflikte. Bist du privat eher Team Dorfleben oder Großstadttrubel?
Ich würde mich irgendwo dazwischen einordnen. Gerade im Moment, wenn man auf die Welt schaut, bin ich froh, dass ich auf dem Dorf lebe und weiß, dass ich mich auch mal zurückziehen kann. Man ist dort nicht ganz so nah an allem dran. Andererseits sind für mein Leben und meinen Beruf natürlich auch Kultur, Konzerte und Erlebnisse wichtig – und dafür ist die Großstadt toll. Berlin würde mich allerdings nicht so reizen, wahrscheinlich eher Hamburg.

Botox und gemachte Brüste? Kommt nicht in Frage!
In einer Folge geht es um einen Schönheitswettbewerb für Mütter. Wie stehst du selbst zu solchen Wettbewerben – eher Spaß oder eher Druck für Frauen?
Ich kann mich dafür ehrlich gesagt nicht so begeistern. Ich war auch nie jemand, der Germany’s Next Topmodel geschaut hat. Dafür bin ich einfach nicht empfänglich und verstehe den Sinn dahinter nicht wirklich. Ein bisschen geht es mir da wie meiner Rolle Beke: Ich finde es eigenartig, wenn Frauen auf einer Bühne stehen und darum konkurrieren, wer die Schönste, die Schlankste oder die Sportlichste ist. Das ist einfach nicht so meins, aber natürlich soll jeder das machen, was ihm gefällt.
Wenn man aber wie du in der Öffentlichkeit steht, wird man ja schon unweigerlich mit Schönheitsidealen konfrontiert. War das ein Prozess für dich, dass du dich da nicht von beeinflussen lässt?
Diese Bewertungen kommen ja immer von außen. Andere beurteilen einen und ich kann entscheiden, ob ich mich davon anstecken lasse oder ob ich bei mir bleibe. Ich bin ja auch nicht mehr 20 und mittlerweile eine von wenigen, die kein Botox in der Stirn oder gemachte Brüste hat. Ich will damit überhaupt nicht sagen, dass alle das genauso machen sollen wie ich – jeder soll selbst entscheiden. Aber ich lasse mich von diesen Idealen nicht beeinflussen. Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich müde bin, in den Spiegel schaue und mich kurz erschrecke. Gleichzeitig bekomme ich aber auch Nachrichten von Frauen, die dankbar sind, dass ich natürlich altere, Falten habe und dazu stehe und glücklich damit bin. Deshalb lasse ich diese Bewertungen von außen und den Druck meiner Branche nicht an mich heran, auch wenn er wirklich enorm ist.
Dabei ist ja genau das so wichtig in der Schauspielerei: Nicht perfekt zu sein, Mimik zu haben…
Eben! Wie willst du sonst echte Emotionen transportieren? Sonst sieht doch irgendwann alles gleich aus. Natürlich hat das auch mit Selbstbewusstsein zu tun. Das heißt nicht, dass ich ein riesiges Selbstbewusstsein habe – auch ich habe Tage, an denen ich struggle. Aber ich habe mich nie anstecken lassen, diesem Druck von außen nachzugeben. Ich habe es tausendmal lieber, dass man sieht, dass ich müde bin. Auch in einer Figur! Wenn meine Figur kaputt, überfordert oder ausgelaugt ist, muss man das doch sehen können. Wie soll ich das spielen, wenn meine Stirn so glatt ist, dass sich nichts mehr bewegt?

Familienleben und das, was wirklich zählt
Wenn man sich deine Filmografie anguckt, merkt man schnell: Du bist immer fleißig: Wenn du mal Pausen hast, wie gestaltest du die, um maximal abschalten zu können?
Pausen kann ich sehr gut genießen. Ich konnte ja auch zwei Kinder bekommen und wieder in meinen Beruf einsteigen, was auch leider nicht immer selbstverständlich ist. Gleichzeitig merke ich immer wieder, was für ein Glück es ist, wenn ich einfach mal gar nichts machen muss. Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme und weiß: Das Telefon klingelt nicht, ich habe keinen Termin und muss nirgendwo hin. Dann kann ich einfach mein Leben genießen, mich sogar mal langweilen, meinen Balkon verschönern, meine Wohnung umgestalten, streichen oder umräumen und einfach Zeit für mich und meine Kinder haben. Das ist ein großes Geschenk. In den Monaten, in denen ich nicht arbeite, fühle ich mich auch nicht getrieben, sofort das nächste Projekt zu suchen. Ich merke zwar, dass ich ein Arbeitstier bin und wirklich gerne arbeite – ich liebe es, am Set zu sein! Aber genauso sehr genieße ich meine freie Zeit.
Sich langweilen zu können ist ja mittlerweile auch eine echte Kunst. Können nicht mehr viele.
Stimmt, wir haben ein bisschen verlernt, uns zu langweilen. Viele wissen dann gar nicht mehr, was sie mit sich anfangen sollen. Mir geht es manchmal auch so, dass ich dasitze und erst einmal nichts mit mir anzufangen weiß. Aber ich merke dann auch, dass aus Langeweile oft Kreativität entsteht. Man muss sich nur darauf einlassen und dem Ganzen Raum geben. Vielleicht haben wir heutzutage aber auch einfach zu selten die Zeit dafür.
Du hast gerade deine Kinder angesprochen. Die beiden haben einen großen Altersabstand – wie hältst du die Balance zwischen „fast erwachsen“ bei deiner großen Tochter und Grundschule bei deiner kleinen?
Das frage ich mich auch manchmal. (lacht) Der Altersunterschied ist schon groß und manchmal stehe ich dazwischen und merke, dass auch ich noch dazulerne. Bei der Kleinen fängt es gerade erst an, dass ich ihr zum Beispiel nicht mehr die Kleidung rauslegen darf. Bei der Großen bin ich dagegen schon längst raus – sie ist schon sehr erwachsen. Wir haben mittlerweile eher eine freundschaftliche Beziehung und sind ein richtig gutes Team.
Ich würde gern noch einen kurzen Blick in die Vergangenheit werfen und danach in die Zukunft, okay?
Klar!
Bei deinem Durchbruch warst du ziemlich jung. Wie gut war die Felicitas Anfang 20 darauf vorbereitet, plötzlich berühmt zu sein?
Überhaupt nicht! (lacht) Aber ich glaube, das war auch ganz gut so. Das war damals eine ganz andere Zeit. Ich hatte weder Presseleute noch Manager oder Stylisten um mich herum, die mich in irgendeine Richtung formen wollten. Streamingdienste oder diese starke Orientierung an internationalen Projekten gab es damals auch noch nicht. Ich war einfach völlig überrascht, dass die Serie so durch die Decke gegangen ist und ich mich plötzlich auf Doppeldeckerbussen oder Litfaßsäulen gesehen habe. Damit musste ich erstmal klarkommen. Aber letztlich hat mich das alles zu der Frau gemacht, die ich heute bin und ich war immer dankbar dafür, wie sich alles entwickelt hat.

Viele Menschen über 30 oder 40 sagen heute: Sie wollen nie wieder 20 sein. Wie siehst du das?
Ich finde es gut, so wie es gerade ist. Ich freue mich über die Weisheit, die ich heute habe. Auf der anderen Seite war es auch schön, damals so unverblümt in alles hineinzustolpern, das mache ich heute nicht mehr. Jetzt denke ich über alles drei- oder viermal nach. Aber nochmal 20 sein? Nein, auf gar keinen Fall. Ich bin mittlerweile so herrlich entspannt und richtig froh darüber, wie es ist. Man entwickelt so eine gewisse „Scheiß-egal“-Haltung und das finde ich wunderbar.
Gibt es beruflich oder privat etwas, was du unbedingt noch machen möchtest? Eine Reise, eine Rolle, mit einem bestimmten Schauspieler oder Regisseur arbeiten?
Ich habe so Gedanken oder Vorstellungen, wo ich in fünf Jahren sein werde wirklich überhaupt nicht. Ich bin eigentlich jemand, der von Tag zu Tag lebt. Gerade wünsche ich mir einfach, dass die Welt wieder zur Ruhe kommt und dass meine Kinder eine glückliche Zukunft haben. Das sind die Dinge, die mich vor allen anderen Sachen beschäftigen.
Vier brandneue Folgen von „Neuer Wind im Alten Land“ gibt‘s ab dem 19. April jeweils sonntags um 20:25 Uhr im ZDF. Erneut schlüpft Felicitas in die Rolle der Journalistin „Beke“. Das Interview führte Selina Happe im März 2026.
