„Berliner Taxen sind die besten Schulen“ – Désirée Nick über Nachtleben, Döner und Kultur der Hauptstadt
Niemand lebt Berlin so wie sie: In ihrem neuen Buch „Nice to meet you, Berlin!“ (Polyglott Verlag, 22 €) entführt die Entertainerin die Leser jetzt in die schillernde Metropole. Was macht unsere Hauptstadt eigentlich so besonders? INSIDE hat Désirée Nick (69) gefragt.
Die Ur-Berlinerin packt aus: So tickt ihre Stadt
INSIDE: Sie nennen sich gern „Ur-Berlinerin“, aber wohnen inzwischen in Falkensee – wie fühlt sich das an, noch Berlinerin zu sein, wenn man nicht mehr mitten im Kiez lebt?
Désirée: Ich nenne mich nicht Urberlinerin – ich bin und bleibe Urberlinerin, weil ich dort geboren und aufgewachsen bin, dort studiert und 58 Jahre gelebt habe, alle Veränderungen der Metropole miterlebt habe und mit meiner Kunst so viel Geld verdient habe, dass ich mir 4 km von Spandau entfernt ein so großes Anwesen gekauft habe, wie es in Berlin niemals möglich gewesen wäre. Ein Hektar Park hinterm Haus – das gibt es in Berlin leider nirgends. Das ändert nichts an meiner Biografie als Urberlinerin.
In Ihrem neuen Buch „Nice to meet you, Berlin!“ schreiben Sie, dass Berlin nicht gemütlich, aber einzigartig ist – welches Erlebnis aus Ihrem Leben zeigt Ihrer Meinung nach am besten diese schroffe, aber liebevolle Seite Berlins?
Wir können schlecht gelaunt, aber immer mit Herz und Humor. Die beste Schule sind die Berliner Taxifahrer oder die Stadtreinigung, wenn sie den Müll vom CSD entsorgt. Diese Stadt ist direkt und hält sich mit unnötigen Floskeln nicht gerne auf. Das Berliner Tempo ist legendär und auch literarisch fest verwurzelt.

Döner in der Oper? Naja, zumindest fast!
Im Kapitel über den Kiez Neukölln schreiben Sie von „Döner meets Oper“ – wenn Sie nur noch einen Döner für den Rest Ihres Lebens essen dürften: Wo würden Sie ihn essen und mit der Musik welcher Oper würden Sie ihn kombinieren?
Ich würde Die Entführung aus dem Serail von W. A. Mozart wählen, weil dieses Libretto so schön multikulti ist und blindlings jeder Neuköllner Döneria vertrauen. Die Dönerkonkurrenz ist in Neukölln so massiv, dass minderwertige Ware dort gar keine Chance hat. Aber auch auf der Bismarckstraße gibt es fabelhaften Döner und eines der besten Opernhäuser der Welt.
Ein Kapitel widmet sich dem legendären Nachtleben. Sie selbst sagten mal, eine sechs-stündige Nacht im Berghain „ersetze den Stepper für einen Monat.“ (Tagesspiegel) Was war Ihre wildeste Party?
Da kann ich mich an die Details nicht mehr erinnern, denn eine Clubnacht soll zum Rausch werden. Worum Ibiza und Mykonos sich bemühen, ist nur eine schwache Kopie vom Original. Allerdings gibt es wesentlich kleinere und intimere Clubs, in denen man sich sogar unterhalten kann. Legendär wird es auf jeden Fall, aber Berliner Techno ist eben eine Marke, der weltweit nachgeeifert wird. Man muss einfach cool drauf sein, um da mitzumachen – es ersetzt den Sport, denn Tanzen ist eben immer auch künstlerischer Ausdruck, im Gegensatz zum Stepper.
Früher war Berlin entspannter und gemütlicher
Ihr Berliner Lebensgefühl zieht sich durch das Buch – wo sehen Sie heute die größten Unterschiede zu dem Berlin, das Sie aus Ihrer Kindheit/Jugend noch im Kopf haben?
Auch in den 60er/70er-Jahren gingen von der Studentenrevolte in Berlin politische Impulse aus, welche die Gesellschaft verändert haben. Gleichzeitig war Berlin der Magnet für Exzentriker, Wehrdienstverweigerer und Aussteiger, da wir hier keinen Militärdienst kannten, keine Sperrstunde hatten und sogar noch jeden, der nach Berlin umsiedelte, mit finanziellem Bonus belohnt haben. Es war eine entspannte, gemütlichere Community als heute, und Geld hat hier wirklich keine sehr große Rolle gespielt. Somit war das Klima weniger aufgeladen und gestresst. Kultur und Kreativität standen aber stets bei uns im Mittelpunkt.
In Berlin gibt’s laut Ihnen „Kultur satt“ – sind Museen und Galerien für Sie eher Rückzug oder Rampenlicht? Wo haben Sie zuletzt etwas gesehen, das Sie wirklich sprachlos gemacht hat?
Oh, da überschlagen sich die Impressionen, wenn man alleine das Berliner Ensemble, die Komische Oper und das Deutsche Theater betrachtet. Dort könnte ich täglich hingehen, denn alles hat Niveau und Klasse. Alleine Die Dreigroschenoper, mit welcher das Berliner Ensemble die ganze Welt bereist. Nicht zu vergessen das grandiose Staatsballett mit seinen internationalen Ballerinen. Einfach mal in Schwanensee oder Giselle gehen.

Sie schreiben von „Multikulti, Aussteigern und Bohemians“ – was denken Sie: Wird Berlin seine rebellische DNA behalten, oder wird es irgendwann völlig zur Touristen- und Selfie-Hauptstadt mutieren?
Dank Babylon Berlin dürfte ja wohl deutlich geworden sein, dass Berlin immer ein Tanz auf dem Vulkan gewesen ist und ein Symbol für Freiheit, Liberalität und Kreativität. Das spiegelt sich schon in der Architektur wider – denkt man nur an die Hackeschen Höfe oder die darstellende Kunst mit den Gemälden eines George Grosz oder Meisterwerken wie Berlin Alexanderplatz. Warum sollte die Metropole etwas verändern, was schon immer ihr natürlicher Markenkern war? Das ehemalige Vergnügungsviertel der Hauptstadt war einst Rixdorf, heute ein Stadtteil von Neukölln, und die Holzauktion im Grunewald war quasi unsere Wiesn. Daran ändert sich nichts mehr. Der Berliner ist äußerst kontaktfreudig und amüsierwillig.
Désirée Nick: Die Frau hinter der Marke
Wie Berlin haben auch Sie viele Facetten – Schauspiel, Tanz, Buchautorin, Realitystar – welche Leidenschaft war zuerst da und welche hat sich zum Dauerbrenner entwickelt?
Nun, an erster Stelle stehen sicherlich die Bühne, Kunst und Kultur. Alles Weitere sind Stilblüten davon.

Ihr neues Buch enthält auch Empfehlungen für Villenviertel und Refugien im Grünen – wie viel Sehnsucht nach Ruhe steckt in Ihnen und wie viel Lust haben Sie noch auf das laute Leben?
Ich würde sagen, der Wechsel ist das Reizvolle. In Berlin kann man Oktoberfest, Karneval und Landhausidyll an 365 Tagen im Jahr erleben – und all das wird irgendwann zur Normalität. Wir haben ja auch 80 Weihnachtsmärkte. Es ist also kaum möglich, der Party zu entrinnen.
Zum Abschluss: Sie engagieren sich mit Ihrem Buch auch für die Berlinerinnen und Berliner. Was wünschen Sie sich konkret für Ihre Stadt, sagen wir in den nächsten in zehn Jahren?
Ich wünsche mir für die Stadt, dass sie dringend die Bürokratie abbaut, die Bildung fördert und per Digitalisierung Anschlss an die Welt findet. Zwar sind wir Hotspot für die Start-Up-Szene, aber die einzelnen Ämter und Institutionen sind alle nicht miteinander verknüpft. Die gehen wirklich noch in eine andere Etage, um eine Fotokopie zu machen und müssten sich auf der Polizeibehörde einen Stempel teilen. Wobei diese Punkte allesamt aber auch ganz Deutschland betreffen.
